Aus dem Leben eines Wirtschaftsflüchtlings

Ich betreue seit kurzen ehrenamtlich eine junge Frau aus Uganda. Mira ist 18 und seit über einem Jahr in Deutschland. Sie hat das komplette Pensum hinter sich: die tagelange Reise in einem LKW ohne Wasser und Toilette, die Überfahrt auf einem überfüllten Schiff, wo man sie in der Nähe der Küste über Bord warf und die Monate des Wartens in Idomeni, bis ihr jemand half, nach Deutschland zu kommen. Wodurch sie sich die Hilfe der Menschen, die meisten Männer, auf der Flucht verdient hat, darüber schweigt sie. Geld hatte sie nicht. Woher auch? hre Eltern waren von Ruanda nach Uganda geflohen, wo sie nie wirklich zu Hause waren. Der Vater zog, als die Lage in der Heimat sich beruhigt zu haben schien, los, um die Rückkehr der Familie vorzubereiten und kam nicht zurück. Die Mutter verschwand spurlos auf der Suche nach ihrem Mann. Als Mira eines Tages von der Schule nach Hause kam, war ihre Schwester verschwunden.

Das Internet lobt die Fortschritte in Uganda, dass das Leben – vor allem auch für Frauen – immer besser wird. Es gibt da im Verhältnis prozentual recht wenig Genitalverstümmelung bei Frauen. Auch Rekrutierungen von Kindersoldaten sind nicht mehr in allen Regionen an der Tagesordnung. Die Lebenserwartung liegt bei knapp 60 Jahren, das Durchschnittsalter bei 15. Bereits 12% der Haushalte haben inzwischen Elektrizität. Im Durchschnitt muss eine Person ca 1km bis zu einer Wasserstelle laufen, wo die Wartezeit 27 Minuten beträgt.

Besser wird es in Uganda bestimmt, vor allem in den Städten, aber Miras Familie lebte auf dem Land, wo sie dann mit 14 allein in der Hütte der Familie zurück blieb. So etwa dürfte das Dorf aussehen Sie hat es irgendwie bis nach Deutschland geschafft, wo sie – damals noch minderjährig – in einer Wohngruppe untergebracht wurde. Es gibt nur wenige WGs für unbegleitete Mädchen und es gab für Mira keinen Platz, so dass sie ihr erstes Jahr in Deutschland als Mitbewohnerin von sozial auffälligen und lernbehinderten Jugendlichen verbrachte. Sie ging immer schon gern in die Schule und lernt wahnsinnig schnell. „Einfach nur irgendwie klar kommen“ reicht ihr nicht. Sie will „richtig Deutsch“ sprechen.

Mit 18 wollte sie, wie alle ihre KlassenkameradInnen, aus der Wohngruppe ausziehen, aber sie wurde immer wieder „vertröstet“. „Diesen Monat nicht mehr!“, „Wenn es Dir hier nicht gefällt, kannst Du ja dahin zurück gehen, wo Du hergekommen bist!“, „Wenn Du nicht mehr hier wohnst, bist Du ganz allein! Da hilft Dir niemand mehr!“. In letzter Konsequenz ist Mira ausgerissen und war einen Monat lang verschwunden. „Ach, die wird irgendwo einen Freund haben!“. Nope. Inzwischen ist sie wieder da. Sie war einfach mit einer fremden Person, die ein Zugticket übrig hatte, in eine andere Stadt gefahren. Es war ihr egal, wohin – hauptsache weg. Sie ist zurückgekommen, weil sie die Schule fertig machen und Krankenschwester werden will. Auf meine Frage, warum sie denn einfach abhgehauen sei, sagte sie: „Was soll ich machen? Ich sage, ich kann nicht in der Gruppe bleiben! Ich halte nicht aus! Ich sage immer wieder, aber niemand hört! Niemand hilft!“

Undankbar? Unverantwortlich? Ich weiß ja nicht. Wenn sich eine junge Frau allein, fast noch ein Kind, bis nach Deutschland durchgeschlagen hat – ist es dann nicht irgendwie nachvollziehbar, dass sie kein Interesse daran hat, dass jemand anders uneingeschränkt über sie verfügen darf? Und wie war wohl ihr Leben im Heim, wenn sie im Herbst beschließt, es absolut und überhaupt gar nicht mehr aushalten zu können? Und was ist los, dass sogar ich selber erstmal gedacht habe: „Was soll das, dass sie einfach abhaut? Es war doch für sie gesorgt?“

Ich hasse das System, das so große Macht hat, und die individuelle Person, das Schicksal hinter der Akte, so gar nicht mit in Entscheidungen einbezieht. Ich hasse dieses selbstgerechte Denken, das ich manchmal sogar bei mir selbst entdecke, dass diese Menschen, die nach Deutschland kommen, doch gefälligst dankbar zu sein haben für das, was „wir“ ihnen geben. Nicht immer freiwillig, wohlgemerkt. Und dann denk‘ ich an Mira, die ihr Leben lang schon auf der Flucht ist und so gerne einfach mal irgendwo ankommen würde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s