Der Mann mit der Axt

Ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan hat in einem Zug nahe Würzburg mehrere Menschen mit einer Axt und einem Messer angegriffen und zum Teil sehr schwer verletzt. Der IS bekennt sich zu dem Anschlag. Es ist inzwischen ein Video aufgetaucht, das den Zusammenhang des Attentats mit der Terrormiliz bestätigt.
Und jetzt? Was bedeutet das?
Für mich bedeutet es, dass ich verunsichert bin. Und zwar in mehrerlei Hinsicht.
Was treibt einen jungen Mann, der sich vermutlich wenig von den Menschen unterscheidet, die ich täglich im Praktikum treffe, zu so einer Tat? Ist es wirklich ein so kleiner Schritt von „gut integriert“ bis zum Selbstmordattentat? Was bedeutet es, dass dieser junge Mann diese Art der Tat gewählt hat? Im Vergleich zu anderen Terroranschlägen ist die Opferzahl relativ klein. Wählt man denn diesen Weg, um die westliche Welt, um die „Ungläubigen“ zu schädigen? Wie werden andere junge Männer mit Fluchthintergrund reagieren? Wird dieser grauenvolle Vorfall Nachahmer motivieren? Oder abschrecken? Und was wird es mit den jungen Menschen machen, dass die Stimmung in Deutschland ganz offenbar noch weiter nach rechts kippt? „Das habt Ihr davon, dass Ihr diesen Abschaum in unser Land holt“, wettert das Internet, und: „Ihr habt es ja so gewollt!“
Und da frage ich mich doch gleich: Wer hat bitte was wie gewollt? ICH habe bestimmt nicht gewollt, dass ganze Städte in Syrien dem Erdboden gleich gemacht werden. Ich habe auch nicht gewollt, dass in manchen Ländern schon so lange Krieg herrscht, dass die Kinder sich an die Zeit davor nicht erinnern können, während die westliche Waffenindustrie tolle Umsätze verzeichnet. Ich habe auch nicht gewollt, dass junge Frauen ihre Körper verkaufen müssen, um Länder verlassen zu können, in denen Genitalverstümmlung und Zwangsehe zum Erwachsenwerden gehören. Oder, dass Menschen verhungern und keinerlei Chance auf Bildung haben, weil die Bodenschätze ihrer Heimat nur eine Hand voll Leute noch reicher macht, während die Lebenserwartung des durchschnittlichen Einwohners (optimistisch geschätzt) bei 40 Jahren liegt. Ich habe nicht gewollt, dass tausende von Menschen alles zurücklassen müssen, was sie besitzen, um ihr Leben zu retten und hunderte von ihnen auf der Flucht qualvoll verenden. Oder, dass sie, kaum, dass ihre, manchmal monatelange Flucht beendet ist, feststellen müssen, dass jemand ihre Unterkunft angezündet hat, in der sie, die in der Heimat ein eigenes Haus hatten, nun zu hunderten hätten wohnen sollen. Dass ihr Schulabschluss in Deutschland keinen Pfifferling wert ist. Dass manche Deutsche ihnen feindselig begegnen, manche mildtätig, aber fast keiner auf Augenhöhe. Dass der Bürokratiedschungel, in dem schon ein Deutscher kaum durchsteigt, mit der Sprachbarriere nahezu nicht zu bewältigen ist… All das habe ich, die sich inzwischen „Gutmensch“, „linksgrünversiffte Bahnhofsklatscherin“ und vieles mehr nennen lassen darf, ganz bestimmt nicht gewollt. Aber ich wollte und ich will, dass Menschen geholfen wird, die unverschuldet in menschenunwürdige Situationen geraten sind. Und jetzt Würzburg… Was bedeutet das?

Was sagt es denn über mich, wenn eine Frau, die katholisch erzogen wurde, ihr Kind verhungern lässt? Was sagt es über einen Mann, dass sein Nachbar seine Frau schlägt? Was sagt es über meine Mutter, dass auch in meiner Heimatstadt eine Asylbewerberunterkunft gebrannt hat? NICHTS sagt das! Gar nichts! Außer, dass es Arschlöcher gibt. Überall.
Ja, aber die Muslime sind so radikal! Sind sie? Sind „die Muslime“ radikaler als die AFD-Wähler? Oder als jene Menschen, die ich seit Jahren kenne und die plötzlich ganz unverblümt rechte Inhalte im Dutzend teilen? Diese Leute sind meines Wissens nicht einmal sehr religiös! Dürfen die das dann? Weil es ja nix mit irgendeinem „-ismus“ zu tun hat?
Was ist denn mit der jungen Muslima, die ich kenne, die sich jetzt gegen das Kopftuch entschieden hat? Oder mit der, die es gern trägt, obwohl das ihre Familie nicht versteht? Was ist mit unserem muslimischen Freund, der zum EM-Spiel-gucken mit stolzgeschwellter Brust im Deutschland-Trikot bei uns aufgekreuzt ist und im Nachbarort jetzt in der ersten Mannschaft Fußball spielt? Sein Trainer sagt, seit er da ist, geht es viel freundlicher und respektvoller zu, weil er so höflich ist. Was ist mit den jungen Menschen mit Fluchthintergrund, die jetzt gerade ihren Hauptschulabschluss bekommen haben und sich auf ihre Ausbildung im Herbst freuen? Und mit den Teilnehmern des Flüchtlings-Fußballturniers, die andächtig die deutsche Nationalhymne sangen und von denen sehr viele neben ihrer Heimatflagge auch die deutsche auf ihre T-Shirts gemalt haben? Sind die jetzt dann auch heimlich radikal? Oder sind die „halt positive Ausnahmen“? Und warum ist das wahrscheinlicher als dass der Attentäter von Würzburg eine negative Ausnahme war, dessen Beweggründe nun niemand mehr genau herausfinden kann, weil er von der Polizei erschossen wurde (was jetzt KEINE Polizeikritik ist!)?
Was ist denn nun wahrscheinlicher? Dass einer meiner muslimischen Bekannten Amok läuft, oder, dass einer meiner deutschen Bekannten sich einer Bürgerwehr anschließt, um „dem Abschaum“ mal „zu zeigen, wo’s langgeht“? Und wem genau hilft das dann?
Ich verzweifle gerade an der Welt und dieser Zeit, in der ich lebe. Und ich verstehe nicht, was da geschieht und was Menschen dazu bringt, sich in einen mit Mistgabeln und Parolen bewaffneten Mob zu verwandeln, der loszieht, um mal wieder „die Hexe“ zu verbrennen? Können Menschen sich denn nicht weiterentwickeln? Lernen wir denn nie aus der Vergangenheit?
Ich gehe jetzt schlafen. Ich hoffe, ich träume nicht.

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