Insh’Allah

Der letzte Tag in einer Schulklasse, in die ich meine Anleiterin während der letzten Monate jede Woche begleiten durfte. Komisches Gefühl.
Ich erinnere mich noch an meine erste Hospitation hier. Schon seltsam, diesen zwanzig jungen Männern zu begegnen, die hier versammelt sitzen. Unterschiedlichste Schattierungen dunkler Haut. Nur junge Männer zwischen 15 und 17. Fast alle Muslime. Fast alle aus Afghanistan. Ein wenig gruselig, so kurz nach „Köln“. Man weiß ja jetzt, dass „diese Leute“ keinen Respekt vor Frauen haben. Vor deutschen schon gar nicht. Und tatsächlich: Immer wieder mal kommt es zu Krawall, weil zwei von den Schülern kontinuierlich aneinandergeraten. Es ist schwer, nachzuvollziehen, woran es liegt, dass Jamal einfach sein Mäppchen quer durchs Klassenzimmer schmeißt, nachdem Karim irgendetwas auf Pashto gesagt hat.
Es ist auch manchmal nahezu unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, in den ersten paar Wochen. Viele reden durcheinander. Das meiste, was sie reden, verstehe ich nicht. Und dennoch besteht meine Anleiterin darauf, es erstmal ohne Sanktionen zu probieren. Die Schüler sollten ja mit uns zusammenarbeiten, meint sie. Da mache es wenig Sinn, alle fünf Minuten jemanden des Raumes zu verweisen, weil sein Verhalten unpassend ist. Was mir damals nicht klar war: die meisten dieser jungen Männer waren fast genauso neu in der Klasse, wie ich. Gerade mal vor zwei Monaten angekommen in Deutschland. Und noch etwas im Schock darüber, dass ihr altes Leben jetzt weg ist, unwiederbringlich vorbei, und ihnen jetzt nur die Chance bleibt, das Beste aus ihrer Situation zu machen und zu versuchen, so schnell wie möglich deutsch zu lernen, um nicht mehr so verloren zu sein.
Jetzt, heute, fast ein halbes Jahr später, sprechen alle in diesem Raum deutsch. Nicht fehlerfrei oder fließend, aber gut verständlich. Chaoten sind sie immer noch, aber ich kenne jetzt alle Namen. Keiner nimmt es mir übel, wenn ich mal einen Anschiss verteile. Sie wissen selber, dass sie manchmal Nervensägen sind. Das dürfen sie auch sein. Ich sitze hier jetzt nämlich nicht mehr vor einer potentiell bedrohlichen Gruppe junger Muslime, sondern einfach vor einer reinen Jungenklasse mit pubertätsgebeutelten Testosteronbolzen . Und irgendwie bin ich sehr traurig, dass meine Zeit in dieser Klasse zu Ende ist. Die Stimmung ist gedrückt. „Sie gehen, Frau M. (meine Anleiterin)? Und Sie auch, Frau S. (ich)? Warum? Magst Du nicht mehr zu uns kommen?“ Alle Erklärungen, dass das Praktikum jetzt eben vorbei ist und meine Anleiterin aus privaten, zeitlichen Gründen nicht mehr unterrichten kann, sind irgendwie vergeblich. „Aber Du bist gut! Du sollst kommen! Kommst Du nächste Woche?“ Ein Junge fängt an zu weinen. Es ist irgendwie nicht so, wie ich den Weggang einer Lehrerin aus meiner Schule in Erinnerung habe. Es ist richtig schlimm. Ist auch kein Wunder, wenn man es sich genau überlegt… Die Jungen „Das ist schlimm für Ali“, erklärt der Nebensitzer des weinenden Jungen, der sonst immer die größte Klappe hat und heute ganz anders ist: „Ali braucht Familie. Ist noch Kleine. Erst 15.“ Ali schnieft und erklärt dann: „Ist schwierig mit deutsche Leute. Wollen Kind 3 Jahre, vielleicht 4. Aber nicht 15.“ Er beschwert sich nicht. Er versteht das. Ist halt so. Überhaupt verstehen diese Jungen, die noch nicht einmal volljährig sind, sehr vieles. Dass sie, sobald sie 18 werden, aus ihren Wohngruppen ausziehen müssen, zum Beispiel. Finde ich krass! Mit 18 ist man doch nicht erwachsen! Dann ist da kein Betreuer mehr, zu dem man gehen kann, wenn’s brennt. Und Eltern haben von den zwanzig Jungs noch zwei.
Die Schüler wissen auch, dass der Führerschein, den die anderen Jugendlichen gerade machen, oder gar ein eigenes Auto für sie noch so weit entfernt sind, dass sie sich kaum trauen, davon zu träumen. „Erstmal Schulabschluss. Nur noch zwei Jahre. Dann hoffentlich Ausbildung. Nochmal drei Jahre. Dann hoffentlich Arbeit und Geld und kleine, eigene Wohnung. Und Familie. Vielleicht kleine Katze.“ Ich könnte heulen. So kleine Träume.
„Wann sehen wir uns wieder, Frau S.?“ Ich weiß es nicht. „Ich hoffe bald. Insh’Allah! Vielen Dank!“

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