Lästermaul

Ich bin ein altes Lästermaul. Manchmal schäme ich mich dafür, aber: ES IST STÄRKER ALS ICH, dass es Personen gibt, bei denen mir das Messer in der Tasche aufgeht und ich zu meiner nächstliegenden Vertrauensperson etwas darüber sagen muss, weil ich das Gefühl habe, sonst platzen zu müssen.
Ich sage den betreffenden Personen dann nicht immer ins Gesicht, was mich stört. Warum? Nein, nicht aus Feigheit, sondern weil ich dafür keinen Grund und keine Berechtigung sehe. Oft ist mein Emotionsausbruch nur eine Momentaufnahme, die mehr mit meiner Stimmung als mit dem „Stein des Anstoßes“ zu tun hat. Das weiß ich dann vielleicht auch. Und warum soll ich aus einer Laune heraus riskieren, jemanden zu kränken? Oder aber, ich kenne die Person kaum und gehe davon aus, dass ihr meine Meinung eh egal ist. Oder es handelt sich um Akte der Rücksichtslosigkeit und Respektlosigkeit, die ich an Menschen beobachte, denen ich oft nur flüchtig begegne. Die stören mich wirklich sehr und leider hab ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ich direkt auf so etwas ansprach, mich glattweg nicht verstanden haben. Vielleicht ist an den Sprüchen mit Hänschen und Hans und der Frühkrümmung des Häkchens was dran, und man kann sowas nur als Kind lernen…
Ich schweife ab. Ich bin ein impulsiver Mensch. Ich kann sehr glücklich sein, oder auch tieftraurig. Ich kann Menschen ganz, ganz großartig finden, viele sind mir auf völlig wertfreie Art egal und manche find ich eben auch mal scheiße. In Großbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen.

Manchmal frage ich mich, ob es mich zu einem schlechten Menschen macht, dass ich mich über meine Miterdenbürger aufrege, oder eher, dass ich das nicht immer schweigend oder „in-mich-hinein-brummelnd“ tun mag. Ich denke aber eigentlich nicht. Ich bin nämlich jederzeit trotzdem bereit, jemandem zu helfen, wenn ich das kann. Sogar Menschen, die ich wirklich nicht mag. Und ich bin bereit, immer wieder zuzuhören und meine Ansicht zu korrigieren, denn ich weiß ja, dass auch das von mir beobachtete „Nervverhalten“vielleicht nur eine Momentaufnahme ist – und, dass es arrogant ist sich einzubilden, einen anderen Menschen jemals beurteilen zu können.

Ist es nicht witzig, dass ich immer wieder das Gefühl habe, verurteilt zu werden, gerade von denen, die sich selbst zur „moralischen Instanz“ernannt haben? Ist es nicht originell, dass eben gerade Personen, die sich vermutlich selbst für über Lästereien erhaben halten nicht müde werden, mit hochgezogenen Augenbrauen darüber zu urteilen, ob meine Emotionen und daraus resultierende Äußerungen jetzt denn berechtigt sind oder nicht und mir das dann mitzuteilen? Woher nimmt denn so jemand, woher nimmt IRGENDjemand die Qualifikation, mich und meine Wahrnehmung zu bewerten? Und: ich reg mich ja auch nicht vor jedem auf, sondern vor Personen, denen ich, wie oben erwähnt, vertraue. Denen ich zutraue, dass sie mich kennen. Zumindest gut genug kennen, um zu wissen, dass ich bin wie ich bin und bei denen ich davon ausgehe, dass sie mich nicht trotzdem mögen, sondern genau die Person mögen, die ich bin. Ich bin ja nicht erst seit gestern so. Ich hab 37 Jahre gebraucht, um genau diese Person zu werden und ja, ich weiß, ich hab meine Macken und Fehler. Aber hat die nicht jeder? Darf und SOLL die nicht jeder haben?
Ich bin dafür nicht hinterfotzig. Und nicht scheinheilig. Und nicht gleichgültig, denn sonst würde es mich nicht verletzen, wenn man mir mal wieder dieses „Lästermaul-Label“ verpasst.
Und ich bin ehrlich überrascht und irritiert, dass es den „Gutmenschen“dann offenbar wurscht ist, was ihr Urteil mit mir macht; wie ich mich fühle, wenn ich bewertet und be- oder verurteilt werde in meiner Wahrnehmung und meiner Art, der Welt zu begegnen.
Was ist denn nun wirklich besser? Wer ist denn nun der „anständige“Mensch? Ich bin es wirklich nicht immer. Aber zumindest weiß ich das.