Niemals gut…

Es ist jetzt schon fünf Jahre her, dass mein Papa gestorben ist. An vielen Tagen habe ich meinen „Frieden“ damit. Es war gut für ihn. Er hat keine Schmerzen haben müssen. Er ist jetzt irgendwo, wo es ihm gut geht…ganz bestimmt.
Bla. Und dann wird es dunkel und ich liege wach, gleite langsam in Richtung Schlaf und bin plötzlich wieder hellwach, weil ich Papas Stimme in mir höre, wie er meinen Namen sagt.
Ich bin ja froh, dass ich das habe: auditive Erinnerung; also, dass ich niemals den Klang einer Stimme verliere. Ich höre noch jeden, der mir einmal nahe stand, sogar die, die gar nicht sprechen konnten und sich durch ihre ganz eigenen, besonderen Laute ausgedrückt haben.
Ich höre den Schnuff, wie er „Kein schöner Land“ summt. Ich höre Frau T., eine alte Dame mit Demenz, die ich im Rahmen meines Sozialen Jahres kennenlernen durfte und die ich auf ihrem letzten Weg begleitet habe. Sie hatte ein ganz spezielles, leises Seufzen, wenn sie einen ihrer seltenen, angstfreien Momente hatte, in denen sie Nähe aushalten konnte.
Ich höre meine Oma Babette, wie sie mir als einziges Familienmitglied ihren Segen dazu gibt, dass ich die Schule verlassen musste, weil „ja nicht alle großkopfert sein müssen“, und mir dadurch einen Funken Selbstsicherheit wiedergab, den ich gerade ganz dringend brauchte. Ich höre meine Oma Gustl, die bis vor kurzem noch am Leben war, und die eine ganz eigene Klugheit, nein, Lebensweisheit besaß, die sie sich in ihrem langen Leben aneignen konnte. „Mach was…!“, hat sie oft gesagt und damit gemeint, dass die Dinge manchmal einfach sind, wie sie sind, ohne, dass man sie lenken, steuern, oder auch nur beeinflussen könnte. „Let go!“, empfiehlt so mancher Lebensratgeber und meint vermutlich das Gleiche, aber in viel komplexeren, verkopfteren Ausführungen. Die Wahrheit ist aber die gleiche.
Manchmal höre ich auch Sina, die an einer Überdosis gestorben ist. Ihre Stimme klingt meistens wie an einem Abend in einer Karaoke-Bar, in der sie „For the longest time“geschmettert hat. Furchtbar schief und jenseits jeder Rhythmik, aber mit der ihr eigenen, kompromisslosen Hingabe. Sie war der Star, an diesem Abend, weil sie in ihrer Großartigkeit einfach jeden mitriss.
Ich höre auch Sigi, wie er leise sagt: „Bist Du auch mein Prinzchen?“, und frage mich, ob ich jemals wieder einen Klienten so sehr ins Herz schließen werde, wie ihn. Ich weiß auch nicht, ob ich mir das wünschen soll, denn als er überraschend starb, war das für mich so katastrophal vernichtend, dass ich erstmals in Frage stellte, ob ich für meinen Beruf überhaupt die nötige Distanz aufbringen kann.
Am allerhäufigsten aber höre ich Papa, und manchmal sehe ich ihn auch, wie er in seinem Sessel sitzt und über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu mir rüber blickt, mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann höre ich, wie er mit mir spricht. Ich höre Dinge, die er gesagt hat und auch Dinge, die er niemals mehr sagen wird, egal wie sehr ich mich danach sehne, sie von ihm zu hören:
Dass er glücklich darüber ist, dass ich Michi gefunden habe. Ich weiß, dass die beiden sehr, sehr gute Freunde geworden wären, weil Michi all das besitzt, was Papa an einem Menschen schätzte. Dass er froh ist, dass ich meinen Job aufgegeben habe, um zu studieren. Er hat sich immer Sorgen wegen meiner Berufswahl gemacht. Zu hart, zu gefährlich, zu nah als dass es gut für mich sein könnte. Ich höre ihn sagen, dass er stolz auf mich ist. Ich glaube, das ist das Schlimmste: dass ich nicht die Möglichkeit habe, seinen Segen zu erhalten für das, was ich mir als Ziel im Leben gesetzt habe und das, was ich bin.
Kann man das denn, seinen Frieden machen; WIRKLICH Frieden finden mit dem Tod eines geliebten Menschen, wenn doch so vieles ungesagt blieb und so viele wichtige Momente für immer unerlebt bleiben müssen? Und muss man das? WILL ich das denn, dass ich damit abschließen kann, diese Menschen, vor allem meinen Vater nicht mehr in meinem Leben zu haben?
Ich glaube, die Frage stellt sich gar nicht wirklich, denn ich glaube daran, dass etwas bleibt. Ich glaube daran, dass ich Menschen nicht nur begegne, sondern, dass sie zu einem Teil von mir werden, für immer mit meinem Leben verknüpft und untrennbar verankert in meiner Identität, in dem, was ich bin.
Vielleicht bedeutet das, dass es „niemals wieder gut“ wird, im Sinne von: „niemals, wie es war, bevor ich lernen musste, was Verlust und Trauer bedeuten“. Es bedeutet aber auch, dass ich nur deshalb vollständig und „ganz“ sein kann, weil das genau so ist

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