Papas Lied

Ich hab mich dazu entschieden, dieses Lied mit Euch zu teilen. Ich habe es kurz nach Papas Tod geschrieben, irgendwie in der Hoffnung, dass Trauer tatsächlich ein Prozess ist, den man irgendwann abschließt und hinter sich lässt.

Die Hoffnung hat sich für mich nicht bewahrheitet und darüber bin ich froh und dankbar. Ich bin glücklich, auch nach Jahren noch Tage zu erleben, an denen mein Papa mir ganz nah ist, auch wenn das bedeutet, dass an diesen Tagen der Schmerz darüber, dass er nicht mehr greifbar, berührbar und in Anrufweite ist, ganz besonders groß ist. Er ist nicht fort aus meinem Leben und wird das auch nie sein und dafür bin ich dankbar.

Und manchmal fühlt es sich noch immer genauso an, wie ich es damals meinem Tagebuch erzählt habe:

Ich hab‘ Kopien von den Todesanzeigen und ein Sterbebildchen, ich hab‘ Papa in seinem Sarg liegen gesehen, den ich mit ausgesucht hab‘.
Man stelle sich das vor: Wir haben Papas Sarg ausgesucht! Wie kann denn das sein? Wie darf denn das sein?

Ich war gefühlte 100mal am Grab. Ich hab geweint, geschrien und bin völlig zusammengeklappt. Ich hab meine Mutter und meine Schwestern im Arm gehalten und Schlaftabletten genommen, um meinen Kopf ruhig zu kriegen.
Über meinem Altar hängt nun Papas Foto. Es steht nicht mehr bei der Kerze, wo es immer war, als ich um Papas Leben gebetet hab‘.

Es tröstet mich ein wenig, dass er keine Schmerzen hatte; dass es ganz schnell ging und er nicht allein war. Er hatte große, große Angst vor dem, was jetzt gekommen wäre. Die muss er nicht mehr haben. Seine Überweisung zur Chemo haben seine vier Weiber an der Mühltalquelle verbrannt und das ist gut so. Er war sehr, sehr müde. Schon lange.
Absurderweise hat es mir nichts ausgemacht, mit meiner Familie zu beten und ich zweifle nicht daran, dass es Papa jetzt gut geht und er auf irgendeine Weise noch hier bei uns ist.

Ich weiß jetzt, warum ich schon so lange traurig war, ohne den Grund zu kennen und warum ich jedesmal hätte heulen können, wenn ich von zu Hause weggefahren bin.
In mir ist ein riesiges, gähnendes Loch; eine klaffende Wunde, die kontinuierlich schmerzt und die ich dennoch manchmal vergesse.

Alles ist normal. Im Rest der Welt ist wenig passiert.
Mein Leben wird nie mehr dasselbe sein.
Ich bin jetzt erwachsen. So schnell geht das.

Ein dickes Danke an jeden, der sich gemeldet hat und an mich gedacht hat.
Ich weiß das zu schätzen; wirklich.
Habt ein wenig Geduld und hört nicht auf, euch zu melden, ja? Ich konnte niemanden anrufen. wie soll denn das gehen?
„Und? wie geht’s?“ „Ach, naja…“

Versteht das bitte!

Wisst Ihr was? Mein Papa hat mir bei einem unserer letzten Telefonate erzählt, dass er mein Blog gelesen hat. Ich dachte: „Naja- das, was halt jeder lesen kann…“ Jetzt hab‘ ich festgestellt, dass ich auf seinem Rechner eingeloggt war. Er hat alles gelesen. Und ich bin sehr froh drüber, dass er jetzt am Schluss noch mehr von mir wusste, als je zuvor. Und er hat gewusst, wie unglaublich lieb ich ihn habe.

 

2 Gedanken zu “Papas Lied

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