Wieder „hilf-los“

Wer mich schon länger kennt, der erinnert sich vielleicht daran, dass es mir vor ein paar Jahren für eine Weile sehr schlecht ging. Ich hatte das, was man einen Burnout nennt und habe im Rahmen dessen eine Panikstörung entwickelt. Es war ein langer Weg, den ich hinter mich bringen musste, bis zum heutigen Tag: Schlimme Angst, die mich teilweise daran hinderte, richtig am Leben teilzunehmen, teilstationäre und anschließend ambulante Therapie , Medikamente mit anfangs drastischen Nebenwirkungen und immer wieder mal Phasen, in denen ich dachte, das wird nie wieder „gut“ sein.
Ich hab Menschen ganz anders kennenlernen dürfen und müssen durch die Art, wie ich mit der Situation umging. Ich hab keinen Hehl daraus gemacht, was mit mir los war, dass ich Angst habe, dass ich Tabletten nehmen muss. Die Reaktionen gingen von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft, Verständnis und Unterstützung bis hin zu deutlicher Zurückweisung, weil „man ja gar nicht mehr wisse, was von den Tabletten käme und was von mir“, weil man „mich lieber nicht dabeihaben wolle, weil die anderen ja was trinken wollten und dann keiner auf mich aufpassen könne“, etc. Damals hat mich das sehr verletzt. Heute bin ich froh. So ging das „Aussieben“ nämlich von alleine und immerhin weiß ich, dass es auch Menschen gibt, auf die ich mich ohne Wenn und Aber immer verlassen kann. Und der Rest…? Den vermisse ich manchmal. Für die „guten Zeiten“, die es ja auch gab.
Auf der Arbeit wahr ich auch ehrlich und nur diese eine, einzige Person, die aus Prinzip über Leichen geht, hat den Umstand, dass ich mal seelisch am Boden war, je gegen mich verwendet. Der Rest meiner Kollegen hat mich unterstützt, verstanden und mir beim vorsichtigen Wiedereinstieg geholfen.
Das alles liegt lange hinter mir. Manchmal hab ich noch Angst, aber die ist ein Teil von mir. Es ist schön, dass mein Kater das weiß und versteht und, wenn es gerade schlimm ist, mit meiner Angst redet: „Du brauchst nicht auf sie aufzupassen! Ich mach das schon!“
Jedenfalls habe ich vor ein paar Wochen beschlossen, jetzt meine Medikamente abzusetzen. Ich habe für über 3 Jahre täglich 30mg Paroxetin genommen, anfangs mit jeder Nebenwirkung, die im Beipackzettel erwähnt wird, von Benommenheit über Gesichtslähmung bis hin zu Zitter- und Schwittzattacken. Dann haben die Tabletten mir geholfen, mich wieder auf die Reihe zu kriegen und ich bin dankbar dafür, dass es dieses Medikament gab, als ich es brauchte.
Inzwischen bin ich dennoch sehr überrascht darüber, wie sehr es wohl zu einem Teil von mir geworden ist, denn ich bin inzwischen auf 10mg am Tag runter und habe das Gefühl, wieder mehr „ich“ zu sein. Es kommt mir vor, als seien meine Gefühle, meine Reaktionen wieder „echter“, unmittelbarer, als habe ich während der letzten Jahre neben mir gestanden und mich selbst beim denken, handeln und fühlen zugesehen. Das war gut für mich, denn es gab in den Zeiten, in denen ich ihn brauchte, einen Zwischenschritt, der mich davor schützte, mich Situationen auszusetzen, die mich hätten übrfordern können. Beispiel: Eine Stresssituation tritt auf. Sylvi I schaut sich das an und bewertet, ob Sylvi II damit jetzt klarkommen kann. Nur, wenn das der Fall ist, wird die Situation auch tatsächlich zur emotionalen Bewertung weitergeleitet. Wenn nicht, wird sie quasi „abgearbeitet“. Bereits jetzt, mit einem Drittel der Dosis, ist das nicht mehr so. Es ist ein wenig wie „Aufwachen“, oder „Heimkommen“zu mir selber. Und ich freu mich auf mich! Ich freue mich darauf, mich wieder ehrlich begeistern zu können! Ich freu mich, mich wieder aufregen zu können und hab nur ganz wenig Angst davor, dass auch die Traurigkeit wieder tiefer werden könnte. Und auch die Angst wird nicht für immer weg bleiben, aber ich werde mir Mühe geben, sie als das zu sehen, was sie ist: eine weitere treue Freundin, die auf mich aufpassen will.