Aus dem Leben eines Wirtschaftsflüchtlings

Ich betreue seit kurzen ehrenamtlich eine junge Frau aus Uganda. Mira ist 18 und seit über einem Jahr in Deutschland. Sie hat das komplette Pensum hinter sich: die tagelange Reise in einem LKW ohne Wasser und Toilette, die Überfahrt auf einem überfüllten Schiff, wo man sie in der Nähe der Küste über Bord warf und die Monate des Wartens in Idomeni, bis ihr jemand half, nach Deutschland zu kommen. Wodurch sie sich die Hilfe der Menschen, die meisten Männer, auf der Flucht verdient hat, darüber schweigt sie. Geld hatte sie nicht. Woher auch? hre Eltern waren von Ruanda nach Uganda geflohen, wo sie nie wirklich zu Hause waren. Der Vater zog, als die Lage in der Heimat sich beruhigt zu haben schien, los, um die Rückkehr der Familie vorzubereiten und kam nicht zurück. Die Mutter verschwand spurlos auf der Suche nach ihrem Mann. Als Mira eines Tages von der Schule nach Hause kam, war ihre Schwester verschwunden.

Das Internet lobt die Fortschritte in Uganda, dass das Leben – vor allem auch für Frauen – immer besser wird. Es gibt da im Verhältnis prozentual recht wenig Genitalverstümmelung bei Frauen. Auch Rekrutierungen von Kindersoldaten sind nicht mehr in allen Regionen an der Tagesordnung. Die Lebenserwartung liegt bei knapp 60 Jahren, das Durchschnittsalter bei 15. Bereits 12% der Haushalte haben inzwischen Elektrizität. Im Durchschnitt muss eine Person ca 1km bis zu einer Wasserstelle laufen, wo die Wartezeit 27 Minuten beträgt.

Besser wird es in Uganda bestimmt, vor allem in den Städten, aber Miras Familie lebte auf dem Land, wo sie dann mit 14 allein in der Hütte der Familie zurück blieb. So etwa dürfte das Dorf aussehen Sie hat es irgendwie bis nach Deutschland geschafft, wo sie – damals noch minderjährig – in einer Wohngruppe untergebracht wurde. Es gibt nur wenige WGs für unbegleitete Mädchen und es gab für Mira keinen Platz, so dass sie ihr erstes Jahr in Deutschland als Mitbewohnerin von sozial auffälligen und lernbehinderten Jugendlichen verbrachte. Sie ging immer schon gern in die Schule und lernt wahnsinnig schnell. „Einfach nur irgendwie klar kommen“ reicht ihr nicht. Sie will „richtig Deutsch“ sprechen.

Mit 18 wollte sie, wie alle ihre KlassenkameradInnen, aus der Wohngruppe ausziehen, aber sie wurde immer wieder „vertröstet“. „Diesen Monat nicht mehr!“, „Wenn es Dir hier nicht gefällt, kannst Du ja dahin zurück gehen, wo Du hergekommen bist!“, „Wenn Du nicht mehr hier wohnst, bist Du ganz allein! Da hilft Dir niemand mehr!“. In letzter Konsequenz ist Mira ausgerissen und war einen Monat lang verschwunden. „Ach, die wird irgendwo einen Freund haben!“. Nope. Inzwischen ist sie wieder da. Sie war einfach mit einer fremden Person, die ein Zugticket übrig hatte, in eine andere Stadt gefahren. Es war ihr egal, wohin – hauptsache weg. Sie ist zurückgekommen, weil sie die Schule fertig machen und Krankenschwester werden will. Auf meine Frage, warum sie denn einfach abhgehauen sei, sagte sie: „Was soll ich machen? Ich sage, ich kann nicht in der Gruppe bleiben! Ich halte nicht aus! Ich sage immer wieder, aber niemand hört! Niemand hilft!“

Undankbar? Unverantwortlich? Ich weiß ja nicht. Wenn sich eine junge Frau allein, fast noch ein Kind, bis nach Deutschland durchgeschlagen hat – ist es dann nicht irgendwie nachvollziehbar, dass sie kein Interesse daran hat, dass jemand anders uneingeschränkt über sie verfügen darf? Und wie war wohl ihr Leben im Heim, wenn sie im Herbst beschließt, es absolut und überhaupt gar nicht mehr aushalten zu können? Und was ist los, dass sogar ich selber erstmal gedacht habe: „Was soll das, dass sie einfach abhaut? Es war doch für sie gesorgt?“

Ich hasse das System, das so große Macht hat, und die individuelle Person, das Schicksal hinter der Akte, so gar nicht mit in Entscheidungen einbezieht. Ich hasse dieses selbstgerechte Denken, das ich manchmal sogar bei mir selbst entdecke, dass diese Menschen, die nach Deutschland kommen, doch gefälligst dankbar zu sein haben für das, was „wir“ ihnen geben. Nicht immer freiwillig, wohlgemerkt. Und dann denk‘ ich an Mira, die ihr Leben lang schon auf der Flucht ist und so gerne einfach mal irgendwo ankommen würde.

Das kleine Einmaleins der „Schlechtmenschen“

Das letzte Wochenende war schlimm. Grauenvolle Dinge sind passiert. Ich habe große Angst. Nicht „nur“ vor dem Terror, sondern auch und vor allem vor dem, was in der Gesellschaft, was sogar in meinem direkten Umfeld vor sich geht. Ich kann nicht aufhören zu denken, was man, was ICH tun könnte, sollte, müsste…Es macht mich krank und müde. Ich habe mir überlegt, dass es für mich viel bequemer wäre, wenn ich mich, in gemütlichem Halb- oder Nichtwissen einfach mit Kausalketten abgeben würde. 1+1=2. Blau + Gelb =Grün. Flüchtling + Islam = Terror. Völlig logisch, oder? Dann schriebe ich heute, wie folgt:

Am letzten Wochenende ist Deutschland zugrunde gegangen. Schuld ist die Merkel (Danke Merkel!!!!), die all diese Islamisten zu uns ins Land geholt hat. Schuld sind auch linksgrünversiffte Bahnhofsklatscher, die verursacht haben, dass die Menschen aus Kriegsgebieten dort urplötzlich nicht mehr bleiben wollten und die armen Länder es ebenso plötzlich nicht mehr geil finden, einfach zu verhungern, wie es ihr Schicksal nun mal von ihnen verlangt hätte. Als sie gesehen haben, dass die Gutmenschen ich Bahnhöfen possierliche Teddybären verteilten, haben die plötzlich keine Lust mehr gehabt, einfach zu warten, bis sie eine Bombe trifft, oder sie halt mit Mitte 30 sterben. Stattdessen wollen diese Deserteure, anstatt ihr Land zu verteidigen, nun was von unserem Kuchen abhaben, der uns verdammt nochmal zustehst, weil wir ja schließlich nach dem Krieg unser Land wieder aufgebaut und für den Wohlstand gearbeitet haben. Und die verdammten Gutmenschen sehen einfach nicht ein, dass es falsch ist, die auch noch dabei zu unterstützen, hier anzukommen, sich zu integrieren und zu arbeiten (DIE NEHMEN UNS DIE ARBEITSPLÄTZE WEG!!!!! Diese Naivlinge helfen denen auch noch, anstatt die an der Grenze abknallen zu lassen! Um es vorweg zu nehmen: Ich hab ja nichts gegen Ausländer! Vor 17 Jahren hab ich einer alten Frau mit Kopftuch im Bus einen Platz angeboten, als alle anderen sitzen geblieben sind!!!!!

Ich hab nur darauf gewartet, dass das in die Hose geht. Der „Ich hab es ja gesagt“-Post ist schon seit einem Jahr vorbereitet. Als dann der Junge mit der Axt im Zug Menschen angegriffen hat, hatte ich den Finger schon an der „Enter“-Taste, habe mich aber dann aber ablenken lassen. Dann der Amoklauf in München! Wen interessiert es, dass dieser Flüchtling behauptet, in Deutschland aufgewachsen zu sein??? (LÜGENPRESSE!!!!) Und dann Reutlingen…Verdammt. Nur ein Opfer. Und vielleicht eine sogenannte „Beziehungstat“(was ICH ja nicht glaube. Immerhin war es ja ein Syrer. Und die greifen ja immer schon unsere Frauen an!!!!)(P.S. LÜGENPRESSE!!!!) Das reicht nicht für vernünftige Panikmache… Das reicht nicht, um den Unwissenden endlich meine Wahrheit zu verklickern, selbst wenn die für MICH schon lange feststand. ICH hab nämlich von vorne herein gewusst, dass Fremde böse sind (außer die Oma im Zug, is klar.) Aber trotzdem bin ich eigentlich sehr friedlich und tolerant. Ich esse zum Beispiel manchmal sogar Döner! Aber ich schweife ab… Heute Morgen kam die Info über den Selbstmord-Attentäter in Ansbach und ICH HABE ES EUCH GLEICH GESAGT!!!! Das habt Ihr jetzt davon! DANKE MERKEL!!!! Von wegen „abgelehnt“! Von wegen „psychisch krank“! Von wegen „traumatisiert“! LÜGENPRESSE!!!! ICH habe zwar nie einen Flüchtling getroffen, oder mich mit der Gesetzgebung, der Realität eines Flüchtlings auseinandergesetzt, geschweige denn mal recherchiert, aber ICH HABE ES GEWUSST!

Und wenn das jetzt weitergeht, wenn UNSER LAND im Terror versinkt, dann werde ich tun, was ich immer getan habe: ich werde Schuldige suchen und in denen finden, die hier hergekommen sind, um endlich in Frieden zu leben und dafür akzeptieren, dass sie mit nichts wieder anfangen müssen (LÜGENPRESSE!!!!). Dabei bleibe ich in meinem Wohlstand auf meinem Arsch hocken und kralle mich an allem fest, was mir gehört. Nicht, dass noch jemand meint, ich müsse was abgeben…!

 Ich bin heute sehr, sehr traurig. Ich habe einen Freund verloren. Nicht an den Terror, sondern an seine Angst davor. Wenn das das ist, was der IS möchte, die Herzen von Menschen vergiften, dann scheint der Plan vielerorts aufzugehen. Ich kann nichts dagegen tun. Ich kann und möchte dieses Weltbild, das in „schwarz“ und „weiß“ unterteilt, nicht einmal verstehen, geschweige denn teilen.

Ich bin dankbar für mein offenes Herz, das es mir gebietet, jedem, der mit mir das Gespräch sucht, erst einmal zuzuhören und ich habe festgestellt: Ich kann vieles begreifen, auch, wenn ich nicht alles nachvollziehen kann. Ich kann andere Meinungen akzeptieren, auch, wenn ich sie nicht teile.

Weder begreifen noch akzeptieren will ich aber blinden Hass gegen eine wirklich große Anzahl von Menschen, von denen ja tatsächlich jeder ein Individuum ist, und die keinen gemeinsamen Nenner hat als den Umstand, bedauerlicherweise nicht in Deutschland geboren worden zu sein. Ich bin enttäuscht. Ich hatte gehofft, „wir“ wären weiter. Und ich bin trotzdem dankbar, denn in dieser Hoffnung und in der Arbeit daran, dass sie eines Tages real wird, bin ich nicht allein.

 

Insh’Allah

Der letzte Tag in einer Schulklasse, in die ich meine Anleiterin während der letzten Monate jede Woche begleiten durfte. Komisches Gefühl.
Ich erinnere mich noch an meine erste Hospitation hier. Schon seltsam, diesen zwanzig jungen Männern zu begegnen, die hier versammelt sitzen. Unterschiedlichste Schattierungen dunkler Haut. Nur junge Männer zwischen 15 und 17. Fast alle Muslime. Fast alle aus Afghanistan. Ein wenig gruselig, so kurz nach „Köln“. Man weiß ja jetzt, dass „diese Leute“ keinen Respekt vor Frauen haben. Vor deutschen schon gar nicht. Und tatsächlich: Immer wieder mal kommt es zu Krawall, weil zwei von den Schülern kontinuierlich aneinandergeraten. Es ist schwer, nachzuvollziehen, woran es liegt, dass Jamal einfach sein Mäppchen quer durchs Klassenzimmer schmeißt, nachdem Karim irgendetwas auf Pashto gesagt hat.
Es ist auch manchmal nahezu unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, in den ersten paar Wochen. Viele reden durcheinander. Das meiste, was sie reden, verstehe ich nicht. Und dennoch besteht meine Anleiterin darauf, es erstmal ohne Sanktionen zu probieren. Die Schüler sollten ja mit uns zusammenarbeiten, meint sie. Da mache es wenig Sinn, alle fünf Minuten jemanden des Raumes zu verweisen, weil sein Verhalten unpassend ist. Was mir damals nicht klar war: die meisten dieser jungen Männer waren fast genauso neu in der Klasse, wie ich. Gerade mal vor zwei Monaten angekommen in Deutschland. Und noch etwas im Schock darüber, dass ihr altes Leben jetzt weg ist, unwiederbringlich vorbei, und ihnen jetzt nur die Chance bleibt, das Beste aus ihrer Situation zu machen und zu versuchen, so schnell wie möglich deutsch zu lernen, um nicht mehr so verloren zu sein.
Jetzt, heute, fast ein halbes Jahr später, sprechen alle in diesem Raum deutsch. Nicht fehlerfrei oder fließend, aber gut verständlich. Chaoten sind sie immer noch, aber ich kenne jetzt alle Namen. Keiner nimmt es mir übel, wenn ich mal einen Anschiss verteile. Sie wissen selber, dass sie manchmal Nervensägen sind. Das dürfen sie auch sein. Ich sitze hier jetzt nämlich nicht mehr vor einer potentiell bedrohlichen Gruppe junger Muslime, sondern einfach vor einer reinen Jungenklasse mit pubertätsgebeutelten Testosteronbolzen . Und irgendwie bin ich sehr traurig, dass meine Zeit in dieser Klasse zu Ende ist. Die Stimmung ist gedrückt. „Sie gehen, Frau M. (meine Anleiterin)? Und Sie auch, Frau S. (ich)? Warum? Magst Du nicht mehr zu uns kommen?“ Alle Erklärungen, dass das Praktikum jetzt eben vorbei ist und meine Anleiterin aus privaten, zeitlichen Gründen nicht mehr unterrichten kann, sind irgendwie vergeblich. „Aber Du bist gut! Du sollst kommen! Kommst Du nächste Woche?“ Ein Junge fängt an zu weinen. Es ist irgendwie nicht so, wie ich den Weggang einer Lehrerin aus meiner Schule in Erinnerung habe. Es ist richtig schlimm. Ist auch kein Wunder, wenn man es sich genau überlegt… Die Jungen „Das ist schlimm für Ali“, erklärt der Nebensitzer des weinenden Jungen, der sonst immer die größte Klappe hat und heute ganz anders ist: „Ali braucht Familie. Ist noch Kleine. Erst 15.“ Ali schnieft und erklärt dann: „Ist schwierig mit deutsche Leute. Wollen Kind 3 Jahre, vielleicht 4. Aber nicht 15.“ Er beschwert sich nicht. Er versteht das. Ist halt so. Überhaupt verstehen diese Jungen, die noch nicht einmal volljährig sind, sehr vieles. Dass sie, sobald sie 18 werden, aus ihren Wohngruppen ausziehen müssen, zum Beispiel. Finde ich krass! Mit 18 ist man doch nicht erwachsen! Dann ist da kein Betreuer mehr, zu dem man gehen kann, wenn’s brennt. Und Eltern haben von den zwanzig Jungs noch zwei.
Die Schüler wissen auch, dass der Führerschein, den die anderen Jugendlichen gerade machen, oder gar ein eigenes Auto für sie noch so weit entfernt sind, dass sie sich kaum trauen, davon zu träumen. „Erstmal Schulabschluss. Nur noch zwei Jahre. Dann hoffentlich Ausbildung. Nochmal drei Jahre. Dann hoffentlich Arbeit und Geld und kleine, eigene Wohnung. Und Familie. Vielleicht kleine Katze.“ Ich könnte heulen. So kleine Träume.
„Wann sehen wir uns wieder, Frau S.?“ Ich weiß es nicht. „Ich hoffe bald. Insh’Allah! Vielen Dank!“

Der Mann mit der Axt

Ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan hat in einem Zug nahe Würzburg mehrere Menschen mit einer Axt und einem Messer angegriffen und zum Teil sehr schwer verletzt. Der IS bekennt sich zu dem Anschlag. Es ist inzwischen ein Video aufgetaucht, das den Zusammenhang des Attentats mit der Terrormiliz bestätigt.
Und jetzt? Was bedeutet das?
Für mich bedeutet es, dass ich verunsichert bin. Und zwar in mehrerlei Hinsicht.
Was treibt einen jungen Mann, der sich vermutlich wenig von den Menschen unterscheidet, die ich täglich im Praktikum treffe, zu so einer Tat? Ist es wirklich ein so kleiner Schritt von „gut integriert“ bis zum Selbstmordattentat? Was bedeutet es, dass dieser junge Mann diese Art der Tat gewählt hat? Im Vergleich zu anderen Terroranschlägen ist die Opferzahl relativ klein. Wählt man denn diesen Weg, um die westliche Welt, um die „Ungläubigen“ zu schädigen? Wie werden andere junge Männer mit Fluchthintergrund reagieren? Wird dieser grauenvolle Vorfall Nachahmer motivieren? Oder abschrecken? Und was wird es mit den jungen Menschen machen, dass die Stimmung in Deutschland ganz offenbar noch weiter nach rechts kippt? „Das habt Ihr davon, dass Ihr diesen Abschaum in unser Land holt“, wettert das Internet, und: „Ihr habt es ja so gewollt!“
Und da frage ich mich doch gleich: Wer hat bitte was wie gewollt? ICH habe bestimmt nicht gewollt, dass ganze Städte in Syrien dem Erdboden gleich gemacht werden. Ich habe auch nicht gewollt, dass in manchen Ländern schon so lange Krieg herrscht, dass die Kinder sich an die Zeit davor nicht erinnern können, während die westliche Waffenindustrie tolle Umsätze verzeichnet. Ich habe auch nicht gewollt, dass junge Frauen ihre Körper verkaufen müssen, um Länder verlassen zu können, in denen Genitalverstümmlung und Zwangsehe zum Erwachsenwerden gehören. Oder, dass Menschen verhungern und keinerlei Chance auf Bildung haben, weil die Bodenschätze ihrer Heimat nur eine Hand voll Leute noch reicher macht, während die Lebenserwartung des durchschnittlichen Einwohners (optimistisch geschätzt) bei 40 Jahren liegt. Ich habe nicht gewollt, dass tausende von Menschen alles zurücklassen müssen, was sie besitzen, um ihr Leben zu retten und hunderte von ihnen auf der Flucht qualvoll verenden. Oder, dass sie, kaum, dass ihre, manchmal monatelange Flucht beendet ist, feststellen müssen, dass jemand ihre Unterkunft angezündet hat, in der sie, die in der Heimat ein eigenes Haus hatten, nun zu hunderten hätten wohnen sollen. Dass ihr Schulabschluss in Deutschland keinen Pfifferling wert ist. Dass manche Deutsche ihnen feindselig begegnen, manche mildtätig, aber fast keiner auf Augenhöhe. Dass der Bürokratiedschungel, in dem schon ein Deutscher kaum durchsteigt, mit der Sprachbarriere nahezu nicht zu bewältigen ist… All das habe ich, die sich inzwischen „Gutmensch“, „linksgrünversiffte Bahnhofsklatscherin“ und vieles mehr nennen lassen darf, ganz bestimmt nicht gewollt. Aber ich wollte und ich will, dass Menschen geholfen wird, die unverschuldet in menschenunwürdige Situationen geraten sind. Und jetzt Würzburg… Was bedeutet das?

Was sagt es denn über mich, wenn eine Frau, die katholisch erzogen wurde, ihr Kind verhungern lässt? Was sagt es über einen Mann, dass sein Nachbar seine Frau schlägt? Was sagt es über meine Mutter, dass auch in meiner Heimatstadt eine Asylbewerberunterkunft gebrannt hat? NICHTS sagt das! Gar nichts! Außer, dass es Arschlöcher gibt. Überall.
Ja, aber die Muslime sind so radikal! Sind sie? Sind „die Muslime“ radikaler als die AFD-Wähler? Oder als jene Menschen, die ich seit Jahren kenne und die plötzlich ganz unverblümt rechte Inhalte im Dutzend teilen? Diese Leute sind meines Wissens nicht einmal sehr religiös! Dürfen die das dann? Weil es ja nix mit irgendeinem „-ismus“ zu tun hat?
Was ist denn mit der jungen Muslima, die ich kenne, die sich jetzt gegen das Kopftuch entschieden hat? Oder mit der, die es gern trägt, obwohl das ihre Familie nicht versteht? Was ist mit unserem muslimischen Freund, der zum EM-Spiel-gucken mit stolzgeschwellter Brust im Deutschland-Trikot bei uns aufgekreuzt ist und im Nachbarort jetzt in der ersten Mannschaft Fußball spielt? Sein Trainer sagt, seit er da ist, geht es viel freundlicher und respektvoller zu, weil er so höflich ist. Was ist mit den jungen Menschen mit Fluchthintergrund, die jetzt gerade ihren Hauptschulabschluss bekommen haben und sich auf ihre Ausbildung im Herbst freuen? Und mit den Teilnehmern des Flüchtlings-Fußballturniers, die andächtig die deutsche Nationalhymne sangen und von denen sehr viele neben ihrer Heimatflagge auch die deutsche auf ihre T-Shirts gemalt haben? Sind die jetzt dann auch heimlich radikal? Oder sind die „halt positive Ausnahmen“? Und warum ist das wahrscheinlicher als dass der Attentäter von Würzburg eine negative Ausnahme war, dessen Beweggründe nun niemand mehr genau herausfinden kann, weil er von der Polizei erschossen wurde (was jetzt KEINE Polizeikritik ist!)?
Was ist denn nun wahrscheinlicher? Dass einer meiner muslimischen Bekannten Amok läuft, oder, dass einer meiner deutschen Bekannten sich einer Bürgerwehr anschließt, um „dem Abschaum“ mal „zu zeigen, wo’s langgeht“? Und wem genau hilft das dann?
Ich verzweifle gerade an der Welt und dieser Zeit, in der ich lebe. Und ich verstehe nicht, was da geschieht und was Menschen dazu bringt, sich in einen mit Mistgabeln und Parolen bewaffneten Mob zu verwandeln, der loszieht, um mal wieder „die Hexe“ zu verbrennen? Können Menschen sich denn nicht weiterentwickeln? Lernen wir denn nie aus der Vergangenheit?
Ich gehe jetzt schlafen. Ich hoffe, ich träume nicht.

Das Mülldilemma

Ich komme mir vor, wie bei den Schildbürgern. Seit Tagen geistern nun Bilder durchs Netz, auf denen man Müllberge am Straßenrand sieht. Könnte der Müll von Flüchtlingen sein, die achtlos mit Spenden umgehen. Oder halt der Nürburgring nach dem Festival. Oder der Staden an einem normalen Nach-Grill-Morgen. Weiß keiner so genau. Aber es wird wieder einmal gestritten.
Die eine Seite brüllt (in Capitals): „Denen kann es ja gar nicht so schlecht gehen!!! Gutmenschen, wacht auf!!!“ Die andere Seite googelt wie wild Gegenbeweise und keift zurück: „Das waren die gar nicht! Flüchtlinge machen sowas nicht!!! Arschloch!!!“
Hallo? Wieso wird das denn „diskutiert“? Tausende von Menschen sind, teilweise zu Fuß, unterwegs in eine ungewisse Zukunft. Ob und warum sie Müll hinterlassen, ist doch völlig egal! Vielleicht wollen sie keinen Ballast mittragen, der nicht dringend notwendig ist. Oder sie haben gerade akut keinen Bezug zu gebrauchten Plüschhasen, nachdem sie all ihren eigenen Besitz zurücklassen mussten. Oder sie kommen aus einer Gesellschaft, die kein so akribisches Müllentsorgungssystem hat wie Deutschland und haben im Augenblick (man mag es kaum glauben!) die richtige Mülltrennungsatzung nicht ganz oben auf der Prio-Liste.
ES IST EGAL! Keiner von uns, der nicht dabei war, weiß, wessen Müll da gezeigt wird. Jegliche Diskussion darüber, wer den Müll verursacht hat, basiert auf Vermutungen und ist überflüssig (abgesehen davon, dass in Deutschland täglich Tonnen von Lebensmitteln einfach in den Müll wandern). Oder was passiert, wenn dann plötzlich „das echte Foto“ auftaucht, das keiner mehr widerlegen kann? Haben die Rechten dann Recht? Und wenn sie Recht haben? Sollen dann die „Umweltsünder“ zurück in Elend und Krieg geschickt werden?
Es macht mir Sorgen, dass inzwischen auf allen Seiten so viel verallgemeinert wird. Es ist nicht davon auszugehen, dass alle Flüchtlinge „gute Menschen“ sind. Das ist genauso blöd, wie davon auszugehen, dass sie „der Feind“ sind. Man nennt das „Normalverteilung“.Was soll das auch ändern? Menschen sind in Not und brauchen Hilfe, die sie an einem Ort suchen, an dem Überfluss herrscht! Die Hilfe steht ihnen zu, scheißegal, ob dabei auch mal kulturell oder persönlich bedingte Konflikte entstehen!

Der tote Junge am Strand

Gestern war es der kleine Junge am Strand, heute habe ich – neben diesem ersten, das ich bestimmt zwanzig Mal gesehen habe – noch drei weitere tote Kinder sehen müssen.
Mittlerweile streitet das Netz darüber, ob es richtig oder falsch ist, ja,ob es nicht sogar dringend erforderlich ist, dieses Bild und ähnliche Aufnahmen zu teilen „um aufzurütteln und auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam zu machen“. Ich habe inzwischen auch schon mehrfach unter diesem Bild die Aussage lesen müssen, dass „ein toter Flüchtling noch lange nicht genug ist“.
Ich halte es nicht für ein Zeichen besonderer Anteilnahme oder Betroffenheit, Bilder toter Menschen in öffentlichen Netzwerken zu posten, auch dann nicht, wenn Herzen, Kerzen, Engel und sonst ein Kitsch dabeistehen. Ich halte es im besten Fall für wenig reflektiert, wenn sich jetzt, nach Monaten der grausamen Fluchtgeschichten in den Medien, jemand noch ehrlich wundern kann, dass tatsächlich auch Kinder auf dem Weg ins vermeintlich sichere Europa sterben. Ich halte es für heuchlerisch, dass plötzlich ein Aufschrei durchs Netz geht mit Bildunterschriften wie „Das darf nicht passieren!“ – NEIN, das darf es nicht! Aber doch nicht erst jetzt, nur weil jetzt das Gesicht dieses armen Kindes als trauriges, pietätloses Mahnmal der voyeuristischen Netzgemeinde herhalten muss! Die Menschen, die zu uns fliehen, haben ALLE Gesichter! Die haben alle Familien, oder hatten sie mal, bevor sie sie verloren haben, weil sie das Pech hatten, am falschen Ort geboren zu werden! Wird das denn wirklich jetzt erst klar?
Wenn der grässliche Weg, den das vermutlich letzte Foto des Kleinen nun nimmt, auch nur eine handvoll „Asylkritiker“ dazu bringt sich zu überlegen, was Menschen auf sich nehmen und vielleicht auch opfern müssen, um hierher zu kommen, dann war die mediale Ausschlachtung dieses Schicksals zumindest nicht umsonst. Richtig finde ich sie aber deshalb in keinem Fall.

Papas Lied

Ich hab mich dazu entschieden, dieses Lied mit Euch zu teilen. Ich habe es kurz nach Papas Tod geschrieben, irgendwie in der Hoffnung, dass Trauer tatsächlich ein Prozess ist, den man irgendwann abschließt und hinter sich lässt.

Die Hoffnung hat sich für mich nicht bewahrheitet und darüber bin ich froh und dankbar. Ich bin glücklich, auch nach Jahren noch Tage zu erleben, an denen mein Papa mir ganz nah ist, auch wenn das bedeutet, dass an diesen Tagen der Schmerz darüber, dass er nicht mehr greifbar, berührbar und in Anrufweite ist, ganz besonders groß ist. Er ist nicht fort aus meinem Leben und wird das auch nie sein und dafür bin ich dankbar.

Und manchmal fühlt es sich noch immer genauso an, wie ich es damals meinem Tagebuch erzählt habe:

Ich hab‘ Kopien von den Todesanzeigen und ein Sterbebildchen, ich hab‘ Papa in seinem Sarg liegen gesehen, den ich mit ausgesucht hab‘.
Man stelle sich das vor: Wir haben Papas Sarg ausgesucht! Wie kann denn das sein? Wie darf denn das sein?

Ich war gefühlte 100mal am Grab. Ich hab geweint, geschrien und bin völlig zusammengeklappt. Ich hab meine Mutter und meine Schwestern im Arm gehalten und Schlaftabletten genommen, um meinen Kopf ruhig zu kriegen.
Über meinem Altar hängt nun Papas Foto. Es steht nicht mehr bei der Kerze, wo es immer war, als ich um Papas Leben gebetet hab‘.

Es tröstet mich ein wenig, dass er keine Schmerzen hatte; dass es ganz schnell ging und er nicht allein war. Er hatte große, große Angst vor dem, was jetzt gekommen wäre. Die muss er nicht mehr haben. Seine Überweisung zur Chemo haben seine vier Weiber an der Mühltalquelle verbrannt und das ist gut so. Er war sehr, sehr müde. Schon lange.
Absurderweise hat es mir nichts ausgemacht, mit meiner Familie zu beten und ich zweifle nicht daran, dass es Papa jetzt gut geht und er auf irgendeine Weise noch hier bei uns ist.

Ich weiß jetzt, warum ich schon so lange traurig war, ohne den Grund zu kennen und warum ich jedesmal hätte heulen können, wenn ich von zu Hause weggefahren bin.
In mir ist ein riesiges, gähnendes Loch; eine klaffende Wunde, die kontinuierlich schmerzt und die ich dennoch manchmal vergesse.

Alles ist normal. Im Rest der Welt ist wenig passiert.
Mein Leben wird nie mehr dasselbe sein.
Ich bin jetzt erwachsen. So schnell geht das.

Ein dickes Danke an jeden, der sich gemeldet hat und an mich gedacht hat.
Ich weiß das zu schätzen; wirklich.
Habt ein wenig Geduld und hört nicht auf, euch zu melden, ja? Ich konnte niemanden anrufen. wie soll denn das gehen?
„Und? wie geht’s?“ „Ach, naja…“

Versteht das bitte!

Wisst Ihr was? Mein Papa hat mir bei einem unserer letzten Telefonate erzählt, dass er mein Blog gelesen hat. Ich dachte: „Naja- das, was halt jeder lesen kann…“ Jetzt hab‘ ich festgestellt, dass ich auf seinem Rechner eingeloggt war. Er hat alles gelesen. Und ich bin sehr froh drüber, dass er jetzt am Schluss noch mehr von mir wusste, als je zuvor. Und er hat gewusst, wie unglaublich lieb ich ihn habe.

 

Niemals gut…

Es ist jetzt schon fünf Jahre her, dass mein Papa gestorben ist. An vielen Tagen habe ich meinen „Frieden“ damit. Es war gut für ihn. Er hat keine Schmerzen haben müssen. Er ist jetzt irgendwo, wo es ihm gut geht…ganz bestimmt.
Bla. Und dann wird es dunkel und ich liege wach, gleite langsam in Richtung Schlaf und bin plötzlich wieder hellwach, weil ich Papas Stimme in mir höre, wie er meinen Namen sagt.
Ich bin ja froh, dass ich das habe: auditive Erinnerung; also, dass ich niemals den Klang einer Stimme verliere. Ich höre noch jeden, der mir einmal nahe stand, sogar die, die gar nicht sprechen konnten und sich durch ihre ganz eigenen, besonderen Laute ausgedrückt haben.
Ich höre den Schnuff, wie er „Kein schöner Land“ summt. Ich höre Frau T., eine alte Dame mit Demenz, die ich im Rahmen meines Sozialen Jahres kennenlernen durfte und die ich auf ihrem letzten Weg begleitet habe. Sie hatte ein ganz spezielles, leises Seufzen, wenn sie einen ihrer seltenen, angstfreien Momente hatte, in denen sie Nähe aushalten konnte.
Ich höre meine Oma Babette, wie sie mir als einziges Familienmitglied ihren Segen dazu gibt, dass ich die Schule verlassen musste, weil „ja nicht alle großkopfert sein müssen“, und mir dadurch einen Funken Selbstsicherheit wiedergab, den ich gerade ganz dringend brauchte. Ich höre meine Oma Gustl, die bis vor kurzem noch am Leben war, und die eine ganz eigene Klugheit, nein, Lebensweisheit besaß, die sie sich in ihrem langen Leben aneignen konnte. „Mach was…!“, hat sie oft gesagt und damit gemeint, dass die Dinge manchmal einfach sind, wie sie sind, ohne, dass man sie lenken, steuern, oder auch nur beeinflussen könnte. „Let go!“, empfiehlt so mancher Lebensratgeber und meint vermutlich das Gleiche, aber in viel komplexeren, verkopfteren Ausführungen. Die Wahrheit ist aber die gleiche.
Manchmal höre ich auch Sina, die an einer Überdosis gestorben ist. Ihre Stimme klingt meistens wie an einem Abend in einer Karaoke-Bar, in der sie „For the longest time“geschmettert hat. Furchtbar schief und jenseits jeder Rhythmik, aber mit der ihr eigenen, kompromisslosen Hingabe. Sie war der Star, an diesem Abend, weil sie in ihrer Großartigkeit einfach jeden mitriss.
Ich höre auch Sigi, wie er leise sagt: „Bist Du auch mein Prinzchen?“, und frage mich, ob ich jemals wieder einen Klienten so sehr ins Herz schließen werde, wie ihn. Ich weiß auch nicht, ob ich mir das wünschen soll, denn als er überraschend starb, war das für mich so katastrophal vernichtend, dass ich erstmals in Frage stellte, ob ich für meinen Beruf überhaupt die nötige Distanz aufbringen kann.
Am allerhäufigsten aber höre ich Papa, und manchmal sehe ich ihn auch, wie er in seinem Sessel sitzt und über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu mir rüber blickt, mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann höre ich, wie er mit mir spricht. Ich höre Dinge, die er gesagt hat und auch Dinge, die er niemals mehr sagen wird, egal wie sehr ich mich danach sehne, sie von ihm zu hören:
Dass er glücklich darüber ist, dass ich Michi gefunden habe. Ich weiß, dass die beiden sehr, sehr gute Freunde geworden wären, weil Michi all das besitzt, was Papa an einem Menschen schätzte. Dass er froh ist, dass ich meinen Job aufgegeben habe, um zu studieren. Er hat sich immer Sorgen wegen meiner Berufswahl gemacht. Zu hart, zu gefährlich, zu nah als dass es gut für mich sein könnte. Ich höre ihn sagen, dass er stolz auf mich ist. Ich glaube, das ist das Schlimmste: dass ich nicht die Möglichkeit habe, seinen Segen zu erhalten für das, was ich mir als Ziel im Leben gesetzt habe und das, was ich bin.
Kann man das denn, seinen Frieden machen; WIRKLICH Frieden finden mit dem Tod eines geliebten Menschen, wenn doch so vieles ungesagt blieb und so viele wichtige Momente für immer unerlebt bleiben müssen? Und muss man das? WILL ich das denn, dass ich damit abschließen kann, diese Menschen, vor allem meinen Vater nicht mehr in meinem Leben zu haben?
Ich glaube, die Frage stellt sich gar nicht wirklich, denn ich glaube daran, dass etwas bleibt. Ich glaube daran, dass ich Menschen nicht nur begegne, sondern, dass sie zu einem Teil von mir werden, für immer mit meinem Leben verknüpft und untrennbar verankert in meiner Identität, in dem, was ich bin.
Vielleicht bedeutet das, dass es „niemals wieder gut“ wird, im Sinne von: „niemals, wie es war, bevor ich lernen musste, was Verlust und Trauer bedeuten“. Es bedeutet aber auch, dass ich nur deshalb vollständig und „ganz“ sein kann, weil das genau so ist

Lästermaul

Ich bin ein altes Lästermaul. Manchmal schäme ich mich dafür, aber: ES IST STÄRKER ALS ICH, dass es Personen gibt, bei denen mir das Messer in der Tasche aufgeht und ich zu meiner nächstliegenden Vertrauensperson etwas darüber sagen muss, weil ich das Gefühl habe, sonst platzen zu müssen.
Ich sage den betreffenden Personen dann nicht immer ins Gesicht, was mich stört. Warum? Nein, nicht aus Feigheit, sondern weil ich dafür keinen Grund und keine Berechtigung sehe. Oft ist mein Emotionsausbruch nur eine Momentaufnahme, die mehr mit meiner Stimmung als mit dem „Stein des Anstoßes“ zu tun hat. Das weiß ich dann vielleicht auch. Und warum soll ich aus einer Laune heraus riskieren, jemanden zu kränken? Oder aber, ich kenne die Person kaum und gehe davon aus, dass ihr meine Meinung eh egal ist. Oder es handelt sich um Akte der Rücksichtslosigkeit und Respektlosigkeit, die ich an Menschen beobachte, denen ich oft nur flüchtig begegne. Die stören mich wirklich sehr und leider hab ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ich direkt auf so etwas ansprach, mich glattweg nicht verstanden haben. Vielleicht ist an den Sprüchen mit Hänschen und Hans und der Frühkrümmung des Häkchens was dran, und man kann sowas nur als Kind lernen…
Ich schweife ab. Ich bin ein impulsiver Mensch. Ich kann sehr glücklich sein, oder auch tieftraurig. Ich kann Menschen ganz, ganz großartig finden, viele sind mir auf völlig wertfreie Art egal und manche find ich eben auch mal scheiße. In Großbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen.

Manchmal frage ich mich, ob es mich zu einem schlechten Menschen macht, dass ich mich über meine Miterdenbürger aufrege, oder eher, dass ich das nicht immer schweigend oder „in-mich-hinein-brummelnd“ tun mag. Ich denke aber eigentlich nicht. Ich bin nämlich jederzeit trotzdem bereit, jemandem zu helfen, wenn ich das kann. Sogar Menschen, die ich wirklich nicht mag. Und ich bin bereit, immer wieder zuzuhören und meine Ansicht zu korrigieren, denn ich weiß ja, dass auch das von mir beobachtete „Nervverhalten“vielleicht nur eine Momentaufnahme ist – und, dass es arrogant ist sich einzubilden, einen anderen Menschen jemals beurteilen zu können.

Ist es nicht witzig, dass ich immer wieder das Gefühl habe, verurteilt zu werden, gerade von denen, die sich selbst zur „moralischen Instanz“ernannt haben? Ist es nicht originell, dass eben gerade Personen, die sich vermutlich selbst für über Lästereien erhaben halten nicht müde werden, mit hochgezogenen Augenbrauen darüber zu urteilen, ob meine Emotionen und daraus resultierende Äußerungen jetzt denn berechtigt sind oder nicht und mir das dann mitzuteilen? Woher nimmt denn so jemand, woher nimmt IRGENDjemand die Qualifikation, mich und meine Wahrnehmung zu bewerten? Und: ich reg mich ja auch nicht vor jedem auf, sondern vor Personen, denen ich, wie oben erwähnt, vertraue. Denen ich zutraue, dass sie mich kennen. Zumindest gut genug kennen, um zu wissen, dass ich bin wie ich bin und bei denen ich davon ausgehe, dass sie mich nicht trotzdem mögen, sondern genau die Person mögen, die ich bin. Ich bin ja nicht erst seit gestern so. Ich hab 37 Jahre gebraucht, um genau diese Person zu werden und ja, ich weiß, ich hab meine Macken und Fehler. Aber hat die nicht jeder? Darf und SOLL die nicht jeder haben?
Ich bin dafür nicht hinterfotzig. Und nicht scheinheilig. Und nicht gleichgültig, denn sonst würde es mich nicht verletzen, wenn man mir mal wieder dieses „Lästermaul-Label“ verpasst.
Und ich bin ehrlich überrascht und irritiert, dass es den „Gutmenschen“dann offenbar wurscht ist, was ihr Urteil mit mir macht; wie ich mich fühle, wenn ich bewertet und be- oder verurteilt werde in meiner Wahrnehmung und meiner Art, der Welt zu begegnen.
Was ist denn nun wirklich besser? Wer ist denn nun der „anständige“Mensch? Ich bin es wirklich nicht immer. Aber zumindest weiß ich das.

Wieder „hilf-los“

Wer mich schon länger kennt, der erinnert sich vielleicht daran, dass es mir vor ein paar Jahren für eine Weile sehr schlecht ging. Ich hatte das, was man einen Burnout nennt und habe im Rahmen dessen eine Panikstörung entwickelt. Es war ein langer Weg, den ich hinter mich bringen musste, bis zum heutigen Tag: Schlimme Angst, die mich teilweise daran hinderte, richtig am Leben teilzunehmen, teilstationäre und anschließend ambulante Therapie , Medikamente mit anfangs drastischen Nebenwirkungen und immer wieder mal Phasen, in denen ich dachte, das wird nie wieder „gut“ sein.
Ich hab Menschen ganz anders kennenlernen dürfen und müssen durch die Art, wie ich mit der Situation umging. Ich hab keinen Hehl daraus gemacht, was mit mir los war, dass ich Angst habe, dass ich Tabletten nehmen muss. Die Reaktionen gingen von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft, Verständnis und Unterstützung bis hin zu deutlicher Zurückweisung, weil „man ja gar nicht mehr wisse, was von den Tabletten käme und was von mir“, weil man „mich lieber nicht dabeihaben wolle, weil die anderen ja was trinken wollten und dann keiner auf mich aufpassen könne“, etc. Damals hat mich das sehr verletzt. Heute bin ich froh. So ging das „Aussieben“ nämlich von alleine und immerhin weiß ich, dass es auch Menschen gibt, auf die ich mich ohne Wenn und Aber immer verlassen kann. Und der Rest…? Den vermisse ich manchmal. Für die „guten Zeiten“, die es ja auch gab.
Auf der Arbeit wahr ich auch ehrlich und nur diese eine, einzige Person, die aus Prinzip über Leichen geht, hat den Umstand, dass ich mal seelisch am Boden war, je gegen mich verwendet. Der Rest meiner Kollegen hat mich unterstützt, verstanden und mir beim vorsichtigen Wiedereinstieg geholfen.
Das alles liegt lange hinter mir. Manchmal hab ich noch Angst, aber die ist ein Teil von mir. Es ist schön, dass mein Kater das weiß und versteht und, wenn es gerade schlimm ist, mit meiner Angst redet: „Du brauchst nicht auf sie aufzupassen! Ich mach das schon!“
Jedenfalls habe ich vor ein paar Wochen beschlossen, jetzt meine Medikamente abzusetzen. Ich habe für über 3 Jahre täglich 30mg Paroxetin genommen, anfangs mit jeder Nebenwirkung, die im Beipackzettel erwähnt wird, von Benommenheit über Gesichtslähmung bis hin zu Zitter- und Schwittzattacken. Dann haben die Tabletten mir geholfen, mich wieder auf die Reihe zu kriegen und ich bin dankbar dafür, dass es dieses Medikament gab, als ich es brauchte.
Inzwischen bin ich dennoch sehr überrascht darüber, wie sehr es wohl zu einem Teil von mir geworden ist, denn ich bin inzwischen auf 10mg am Tag runter und habe das Gefühl, wieder mehr „ich“ zu sein. Es kommt mir vor, als seien meine Gefühle, meine Reaktionen wieder „echter“, unmittelbarer, als habe ich während der letzten Jahre neben mir gestanden und mich selbst beim denken, handeln und fühlen zugesehen. Das war gut für mich, denn es gab in den Zeiten, in denen ich ihn brauchte, einen Zwischenschritt, der mich davor schützte, mich Situationen auszusetzen, die mich hätten übrfordern können. Beispiel: Eine Stresssituation tritt auf. Sylvi I schaut sich das an und bewertet, ob Sylvi II damit jetzt klarkommen kann. Nur, wenn das der Fall ist, wird die Situation auch tatsächlich zur emotionalen Bewertung weitergeleitet. Wenn nicht, wird sie quasi „abgearbeitet“. Bereits jetzt, mit einem Drittel der Dosis, ist das nicht mehr so. Es ist ein wenig wie „Aufwachen“, oder „Heimkommen“zu mir selber. Und ich freu mich auf mich! Ich freue mich darauf, mich wieder ehrlich begeistern zu können! Ich freu mich, mich wieder aufregen zu können und hab nur ganz wenig Angst davor, dass auch die Traurigkeit wieder tiefer werden könnte. Und auch die Angst wird nicht für immer weg bleiben, aber ich werde mir Mühe geben, sie als das zu sehen, was sie ist: eine weitere treue Freundin, die auf mich aufpassen will.